Reisebericht: Namibia
Waren Sie schon einmal in der Wüste? Und ich meine damit nicht die, die man in Tunesien direkt hinter dem Strand findet, sondern jene, die sich endlos weit erstreckt, so weit das Auge reicht und noch darüber hinaus. Auf die eine gleißende Sonne ihr erbarmungsloses Licht ausgießt und in welcher der Wind das einzige hörbare Geräusch ist – in vielen Augenblicken ist nicht einmal dieses sanfte Wehen zu hören, sondern es herrscht echte Stille – eine Stille, die uns die Sprache nimmt, in der man kaum zu atmen wagt, weil man glaubt, einen Anflug dessen zu erleben, was Ewigkeit sein könnte.
Wenn Sie das kennen, dann waren Sie wahrscheinlich auch schon dort – in der Namib, der ältesten Wüste der Erde. Ich landete in dieser endlosen Einsamkeit mit einem kleinen Flugzeug, aus Windhoek kommend. Niemand außer mir war in dieser winzigen Maschine gewesen, und als der Pilot wieder startete, blickte ich ihm leicht erschrocken nach. Er war meine einzige Verbindung zur Zivilisation gewesen, denn der alte Mann, der jetzt reglos neben mir stand, nachdem er mir ernst die Hand geschüttelt hatte, und der jetzt dem Flugzeug nachblickte, bis dieses lautlos geworden und zu einem Punkt geschrumpft war, war mir noch nicht vertraut. Und die Stille, die sich nun über alles legte, war so ungewohnt, so erdrückend, dass ich selbst reglos blieb und den Drang verspürte, mir jetzt die Ohren zuhalten zu wollen, um dieses unglaubliche Nichts zu ertragen.
Die Stille, die sich nun über alles legte, war so ungewohnt, so erdrückend, dass ich den Drang verspürte, mir die Ohren zuhalten zu wollen.

Plötzlich stoppte Martin den Jeep und fragte mich, ob ich mir gern ansehen würde, wie viele Tiere die Wüste bevölkerten. Ich blickte ihn skeptisch an, denn wer oder was sollte in dieser Einöde aus Sand, Salz und Steinen überleben? Aber schon war er aus dem Jeep gesprungen und deutete auf eine der Dünen, auf der tatsächlich Hunderte kleiner Striche zu sehen waren, Punkte und Striche, um genau zu sein. Zuerst schien es mir, als ob alles ruhig wäre, doch je mehr sich meine Augen an das gleißende Licht gewöhnten und je genauer ich hinblickte, desto mehr Leben schien sich hier plötzlich zu zeigen: Heuschrecken mit orangefarbenen Beinen waren zu sehen, winzig kleine Eidechsen liefen die Dünen hoch, verharrten einen Augenblick und waren auch schon wieder verschwunden. „Ich zeige dir jetzt etwas Besonderes“, rief mein Guide, machte einen Sprung vorwärts, vergrub die Hände im Sand und zog sie wieder hervor. Er streckte fünf Finger aus – und da sah ich es: Eine Eidechse von etwa 10 cm Länge hatte sich in seinen kleinen Finger verbissen wie ein Rottweiler und ließ nicht los. Einzig mit den spitzen Zähnchen hing sie an der Haut seines Daumens, der ganze restliche Körper baumelte frei in der Luft. Martin grinste und begann den Kiefer des Tieres sanft zu massieren, bis er dessen Widerstand überwunden hatte und die Eidechse wieder losließ.

Auf dem nächsten Hügel deutete mein Guide auf einen dunkelbraunen Skorpion, der zwischen den Dünen umherlief. „Ist er sehr giftig?“, wollte ich wissen. „Na ja, meine Freundin Mamsy hat erst vor zwei Wochen Bekanntschaft mit so einem gemacht, als sie in Flip-Flops zum Abendessen ging und ein ziemlich großes Exemplar übersehen hat. Dieser Skorpion hat sie in den Fuß gestochen und sie musste einige Tage in der Klinik bleiben – mit furchtbaren Schmerzen. Aber es ist zum Glück nichts Schlimmeres passiert“, beruhigte er mich dann gleich. Ich war froh, als ich auf mein wüstentaugliches Paar Wanderschuhe hinunterblickte, und nahm mir vor, diese auch im Camp nicht gegen Sandalen zu tauschen.
Nur wenig später hielt Martin inne und zeigte auf einen verdorrten braunen Busch, der lediglich ein paar grüne Ästchen hatte. Leider konnte ich nichts erkennen – es war aussichtslos. Ich zuckte mit den Schultern und Martin holte aus seiner Umhängetasche eine runde Dose, schraubte sie auf – und ich ekelte mich sofort: Lauter Mehlwürmer wanden sich darin. „Die brauchen wir, damit du diesen Verwandlungskünstler in voller Aktion bewundern kannst“, meinte er. Und als wir uns vorsichtig näherten, erkannte ich tatsächlich etwas, das ein klein wenig brauner war als der Busch, dort saß ein Chamäleon – etwa 30 cm lang – in der prallen Sonne ganz oben im Busch und wartete auf ein Insekt. Als Martin ihm den Mehlwurm präsentierte, passierte erst einmal gar nichts. Doch nach etwa zwei Minuten reglosen Verharrens schoss wie ein Pfeil die Zunge aus dem Maul des Tieres und schon war der Mehlwurm weg. Unglaublich, diese Geschwindigkeit, fast nicht zu sehen!

„Du hast recht, das ist ein Kennzeichen von vielen Tieren hier in der Namib – ihre Schnelligkeit, wenn sie ein Opfer erspäht haben, deshalb solltest du jetzt auch nicht weiter nach links gehen, falls du nicht unbedingt einen Krankenhausaufenthalt riskieren möchtest.“ Ich erstarrte und wandte ganz vorsichtig meinen Kopf nach links. Ein kleiner Hügel war da, nicht viel höher als mein Knöchel, eine Pflanze und ein dürrer Ast darauf. Was sollte hier das Problem sein? „Schau genau hin! Und beweg dich nicht!“ Ungerührt nahm mein Guide seinen weichen Schlapphut vom Kopf, hielt ihn einen Augenblick lang in der rechten Hand – und mit einer blitzschnellen Drehung stürzte er sich sodann auf den Hügel, riss Sand und irgendetwas Hellgraues in die Höhe und lachte dann voll Stolz. Sein faltiges Gesicht schien plötzlich jung und spitzbübisch, die Augen funkelten – und ich wusste noch immer nicht, warum er sich so freute. Doch gleich darauf konnte ich es sehen, denn Martin warf nun seinen Hut auf den Boden und aus ihm heraus glitt eine etwa 60 cm lange Schlange, die sich in Seitwärtsbewegungen unglaublich rasch über den Sand von uns wegbewegte. Ich war geschockt, denn ich hatte das Tier nicht gesehen. „Kannst Du auch nicht“, meinte Martin, „das ist eine Puffotter – und sie hatte sich bis auf die Augen und das Horn in den Sand eingegraben. So wartet sie auf ihre Opfer – manchmal viele Tage lang. Und wenn du nicht auf sie trittst, tut sie dir auch nichts. Aber wenn sie dich gebissen hätte, dann hättest du deine Heimat vermutlich nicht wiedergesehen! Hierfür haben wir kein Gegengift“, fügte er mit einem Achselzucken hinzu.
Schweigsam fuhren wir jetzt ins Camp, wo ich froh war, nach dem Abendessen das mir zugewiesene kleine Häuschen aufsuchen zu können. „Brauche ich ein Moskitonetz?“ war meine letzte Frage gewesen und Mamsy, die mich mit einer Taschenlampe bis zur Tür begleitet hatte, wehrte lachend ab. „Nein, hier bei uns ganz sicher nicht. Aber Du wirst eine wunderschöne Überraschung erleben. Heute ist Vollmond. Schau Dir an, was auf dem Dach auf Dich wartet!“ Ich öffnete die Tür zur Veranda und sah, dass dort Kerzen in Behältern standen bis hinauf auf das niedrige Dach. Neugierig folgte ich der Spur aus Lichtern und blieb dann gerührt stehen: auf dem Dach war ein schönes, kuscheliges Bett gerichtet worden, um mir einen Ausgleich zu dem Schrecken zu schaffen, den mir die Puffotter eingejagt hatte. Und als ich den Blick nach oben zum Firmament richtete, war ein unglaubliches Lichtermeer zum Greifen nahe: das Kreuz des Südens und die Milchstraße mit ihren Abermillionen an Sternen zogen mich in ihren Bann und am Horizont begann soeben der Vollmond aufzugehen.
Die halbe Nacht hatte ich auf den Mond und den Sternenhimmel der südlichen Hemisphäre geblickt, hatte die Stille genossen, warm in Decken eingehüllt in der nun rasch abkühlenden Nachtluft. Doch schon bei der ersten Morgenröte, noch bevor die Sonne mit ihren Strahlen die Dünen in ein Farbenmeer aus Rot, Gold und Orange tauchte, war ich schon wieder wach und freute mich nun auf weitere Entdeckungen, die hier in Namibia auf mich warten würden.
Namibia
I
Fläche: 824.116 km²
Einwohner: 2.324.388 (Stand: 2016 geschätzt)
Zeitdifferenz zur MEZ: aktuell keine, im Winter +1
Flugzeit: von Wien via Frankfurt ca. 16 Stunden (inklusive Umsteigezeit von ca. 3 Stunden)













